Kinder merken sehr früh, wenn sie für eine Aufgabe erheblich länger brauchen als andere. Sie sehen die Fehler, hören die Rückmeldungen und erleben, dass selbst intensives Üben nicht zuverlässig hilft. Wenn Erwachsene keine Erklärung anbieten, suchen Kinder selbst nach einer.
Diese Erklärung lautet häufig nicht: „Ich brauche einen anderen Lernweg.“ Sie lautet: „Ich bin zu dumm.“ Eine Diagnostik bei LRS und Dyskalkulie kann diesen Gedanken nicht allein auflösen. Aber sie kann Schwierigkeiten aus der persönlichen Bewertung holen und erstmals verständlich machen.
Warum Eltern vor einer Diagnose zögern
Viele Eltern beschäftigen sich lange mit der Frage, ob sie ihr Kind diagnostizieren lassen sollen. Dahinter steht häufig die Sorge, etwas unwiderruflich festzuschreiben.
Was, wenn die Schule das Kind danach nur noch durch diese Diagnose betrachtet? Was, wenn andere glauben, es sei weniger intelligent? Was, wenn das Kind selbst denkt, es könne bestimmte Dinge niemals lernen?
Diese Ängste sind verständlich. Gleichzeitig können sie dazu führen, dass notwendige Unterstützung sehr spät beginnt.
Eine fachlich fundierte Diagnostik soll kein Urteil über ein Kind sprechen. Sie soll Orientierung schaffen. Sie beschreibt eine Schwierigkeit. Sie beschreibt nicht den gesamten Menschen und sagt nicht voraus, welchen Lebensweg er gehen wird.
Was eine fundierte Diagnostik klärt
Eine standardisierte Diagnostik bei einer möglichen Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung ist eine Ausschlussdiagnostik. Das bedeutet: Die Diagnose wird nicht allein wegen schlechter Noten oder einzelner Fehler gestellt.
Andere Faktoren, die das Lernen beeinflussen können, werden geprüft. Dazu gehören unter anderem:
- allgemeine kognitive Einschränkungen
- Hör- oder Sehprobleme
- neurologische Auffälligkeiten
- schwerwiegende emotionale Belastungen
- ungünstige Lernbedingungen
Erst wenn solche Faktoren fachlich berücksichtigt wurden, kann eine spezifische Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung eingeordnet werden.
Genau darin liegt eine wichtige Schutzfunktion: Die Schwierigkeit wird nicht länger mit Faulheit, mangelnder Motivation oder fehlender Intelligenz erklärt.
Eine Diagnose von entsprechend qualifizierten Fachpersonen wird nur gestellt, wenn die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten im Normbereich liegen. LRS und Dyskalkulie sind deshalb keine Belege dafür, dass ein Kind weniger intelligent ist.
Welche Formen der Diagnostik es gibt
Der Begriff „Diagnostik“ wird für unterschiedliche Verfahren verwendet. Dabei beantworten diese Verfahren nicht dieselben Fragen.
Die standardisierte Diagnose nach ICD-Standard
Diese Diagnose darf nur durch entsprechend approbierte Fachpersonen gestellt werden, beispielsweise durch psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, psychiatrische Fachpersonen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten.
Sie wird häufig benötigt, wenn es um einen schulischen Nachteilsausgleich, den Schutz vor Benachteiligung oder bestimmte Unterstützungssysteme geht.
Da eine solche Diagnose aus mehreren Bestandteilen besteht, kann sie nach dem im Buch beschriebenen Stand nicht vollständig online durchgeführt werden.
Standardisierte Testverfahren
Schulen und lerntherapeutische Einrichtungen verwenden standardisierte Verfahren, um Rechtschreibkompetenzen oder mathematische Strategien zu erfassen. Dazu gehören beispielsweise Rechtschreib- und Mathematiktests.
Ein solches Testverfahren allein ist keine medizinische Diagnose. Es kann aber wichtige Hinweise auf den Lernstand und die vorhandenen Schwierigkeiten liefern.
Förderdiagnostik
Eine informelle oder prozessorientierte Förderdiagnostik ist individuell und hypothesengeleitet. Sie untersucht nicht nur, ob ein Ergebnis richtig oder falsch ist. Sie fragt, wie das Kind denkt und an welcher Stelle sein Lösungsweg unsicher wird.
Dafür kann beispielsweise die Methode des lauten Denkens eingesetzt werden. Das Kind beschreibt, was es gerade tut und warum es diesen Weg wählt.
So lassen sich Schwierigkeiten qualitativ analysieren, entwicklungspsychologisch einordnen und konkrete Ansatzpunkte für die Förderung finden. Eine Förderdiagnostik ist ebenfalls keine ICD-Diagnose.
Was eine Diagnose nicht leisten kann
Eine Diagnose ersetzt keine Förderung. Sie verbessert keine Lese-, Schreib- oder Rechenfähigkeit und garantiert keinen bestimmten schulischen Weg.
Sie legt auch nicht fest, welche Fortschritte ein Kind erreichen kann.
Gelegentlich hören Eltern den Vorwurf, ihr Kind werde sich auf einer Diagnose ausruhen. Meine Erfahrung ist eine andere: Kinder ruhen sich nicht auf Diagnosen aus. Sie ruhen sich auf Entlastung aus.
Ein Kind, das jahrelang erlebt hat, dass seine Anstrengung nicht reicht, kann bereits lange vor einer Diagnose resignieren. Nicht die Erklärung erzeugt diesen Rückzug. Die dauernde Überforderung tut es.
Eine sachliche Einordnung kann etwas verändern. Das Kind erfährt, dass seine Schwierigkeiten erklärbar sind und kein persönliches Versagen darstellen. Daraus entsteht nicht automatisch Bequemlichkeit. Häufig entsteht erstmals wieder die Bereitschaft, sich auf Lernen einzulassen.
Wie aus Orientierung Unterstützung wird
Eine Diagnose ist kein Endpunkt. Ihr Wert zeigt sich in dem, was danach geschieht.
Sie kann helfen,
- passende Förderwege auszuwählen,
- Erwartungen realistischer zu gestalten,
- ungeeignete Methoden zu vermeiden,
- Überforderung zu reduzieren,
- Familie und Schule ins Gespräch zu bringen.
Auch das Gespräch mit dem Kind ist wichtig. Kinder nehmen Unterschiede wahr, selbst wenn Erwachsene darüber schweigen. Ein altersgerechtes Gespräch kann vermitteln: „Dein Gehirn lernt an manchen Stellen anders. Dafür gibt es Wege, die dir helfen.“
Wie Schule und Eltern diese Orientierung gemeinsam nutzen können, zeigt der Artikel „Zusammenarbeit mit der Schule bei LRS oder Dyskalkulie“.
Eine gute Diagnostik nimmt einem Kind keine Möglichkeiten.
Sie nimmt falsche Zuschreibungen.
Sie nimmt einen Teil des Drucks.
Und sie kann den Ausgangspunkt für einen Lernweg schaffen, der wirklich zum Kind passt.
Nicht das Etikett steht im Mittelpunkt, sondern das Verstehen
UMTY erklärt, was Diagnostik leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wie Eltern aus einer Einordnung sinnvolle nächste Schritte ableiten können.
Unverbindlich. Kein Verkaufsgespräch. Ein ehrliches Gespräch darüber, was eurem Kind wirklich weiterhilft.