Mir wurde in der Schule prophezeit, ich werde kaum die Mittlere Reife schaffen. Der Grund: LRS. Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu wecken. Ich schreibe es, weil es wahr ist — und weil es zeigt, wie wenig eine Prognose über das aussagt, was möglich ist. Heute habe ich vier Studiengänge abgeschlossen, darunter einen B.A. in Creative Writing und einen MRes in Transnational Writing in England. Und ich arbeite täglich mit Kindern, denen ähnliches gesagt wurde.
Das hier ist meine Geschichte. Ausführlich erzählt. Weil ich sie gerne gehabt hätte, als ich jünger war.
Die Prognose
Irgendwann in der Grundschule fiel zum ersten Mal das Wort. LRS. Lese-Rechtschreib-Schwäche. Damals wusste ich nicht genau, was das bedeutete. Ich merkte nur, dass danach vieles anders war — die Art, wie Lehrkräfte mit mir sprachen. Die Erwartungen, die sich verschoben. Der unausgesprochene Satz, der in manchen Räumen stand: Der kommt nicht weit.
Einige sagten es deutlicher. Kaum Mittlere Reife, das war die ehrliche Einschätzung. Ich war ein Kind. Ich hörte es. Ich glaubte es halb.
Was ich nicht wusste: Diese Prognose war nicht über mein Potenzial. Sie war über den Stand meiner Basiskompetenzen in diesem Moment — bewertet von Menschen, die nicht wussten, was Lerntherapie leisten kann. Und sie war falsch.
Was LRS für mich bedeutete
LRS bedeutete für mich: stundenlange Hausaufgaben für Ergebnisse, die andere in Minuten hatten. Aufsätze, in denen ich mehr mit der Rechtschreibung kämpfte als mit dem Inhalt. Das Gefühl, dass zwischen meinem Kopf und dem Papier immer etwas verloren ging.
Ich dachte viel. Ich hatte Ideen. Ich konnte Zusammenhänge sehen, bevor ich sie aufschreiben konnte. Aber was auf dem Blatt landete, wurde nach Fehlern bewertet. Und Fehler machte ich viele.
Was ich damals noch nicht verstand: Das Problem lag nicht darin, dass ich nicht denken konnte. Es lag darin, wie mein Gehirn bestimmte Prozesse verarbeitete — Buchstaben-Laut-Zuordnung, automatisches Erkennen von Wortbildern, das schnelle Abrufen von Schreibmustern. Das ist Neurobiologie, keine Charakterschwäche. Aber das wusste ich mit zehn Jahren nicht.
Der Wendepunkt
Der Wendepunkt war nicht ein einziger Moment. Er war ein Prozess — und er begann damit, dass jemand aufgehört hat, mich nach meinen Fehlern zu beurteilen, und anfing, mit mir zu arbeiten.
Gezielte Förderung. Eine Person, die verstand, wie Lerntherapie bei LRS funktioniert. Kein Nachhilfe-Stoff, kein „nochmal von vorne", sondern eine Arbeit an den Grundlagen, die mir fehlten. Buchstaben nicht als Fehlerquelle, sondern als Werkzeug, das ich langsam sicherer griff.
Es ging nicht schnell. Aber es ging. Und irgendwann merkte ich: Das hier bin ich. Nicht „trotz LRS". Mit allem, was dazugehört.
Ich machte das Abitur. Dann ein Studium. Dann noch eins. B.A. Creative Writing in England, MRes Transnational Writing ebenfalls in England. Vier Studiengänge insgesamt. Der Mensch, dem man kaum die Mittlere Reife prophezeit hatte, schrieb akademische Abschlussarbeiten auf Englisch.
Was ich gelernt habe — als Betroffener und als Therapeut
Ich bin Lerntherapeut geworden, weil ich beide Seiten kenne. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Buchstaben nicht an Ort und Stelle bleiben wollen. Ich weiß, wie es ist, wenn man denkt, dass alle anderen das mühelos können — und man selbst nicht. Und ich weiß, was passiert, wenn jemand diesen Blick auf dich hat: Du bist nicht das Problem. Die Methode ist das Problem.
In über 14 Jahren Lerntherapie habe ich eines immer wieder erlebt: Kinder, denen man wenig zugetraut hat, die mit der richtigen Unterstützung weit kamen. Nicht alle werden vier Studiengänge machen. Aber alle können weiter kommen, als die frühe Prognose vermuten ließ.
Was den Unterschied macht:
- Frühe, gezielte Unterstützung — nicht irgendeine, sondern die richtige
- Eine Umgebung, die Stärken sieht, nicht nur Defizite
- Ein Selbstbild, das nicht kollabiert, weil die Schulnoten es sagen
- Eltern, die nicht aufgeben — auch wenn es dauert
Was das für dein Kind bedeutet
Ich erzähle meine Geschichte nicht als Versprechen. Nicht jedes Kind mit LRS wird studieren. Das ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist: Die Prognose, die jetzt im Raum steht, ist nicht das letzte Wort. Sie beschreibt einen Moment — nicht eine Zukunft. Was danach kommt, hängt davon ab, was danach passiert.
Wenn dein Kind heute kämpft — mit dem Lesen, dem Schreiben, dem Rechnen, dem Glauben an sich selbst — dann ist das kein Abschlussurteil. Es ist eine Ausgangslage. Und Ausgangslage lässt sich verändern.
Was LRS und Dyskalkulie wirklich bedeuten — und warum sie keine Intelligenzfrage sind. Was die 5 Zeichen sind, die zeigen, wann professionelle Hilfe sinnvoll ist. Und welche Form der Unterstützung wann passt: Nachhilfe, Lerncoaching oder Lerntherapie.
Ich habe das Buch UMTY geschrieben, das ich mir als Jugendlicher gewünscht hätte. Nicht als Trost. Als Werkzeug.
UMTY — das Buch, das Mio sich als Jugendlicher gewünscht hätte.
Faktenbasiert, ermutigend, ohne Mythen. Für Eltern, Lehrkräfte und alle, die selbst betroffen sind. Erschienen am 11. Juni 2026.
Unverbindlich. Kein Verkaufsgespräch. Ein ehrliches Gespräch darüber, was eurem Kind wirklich weiterhilft.