„Ich kann das sowieso nicht." Diesen Satz höre ich oft, manchmal leise, manchmal wütend, manchmal fast beiläufig, als wäre er längst eine Tatsache. Kinder werden nicht mit diesem Satz geboren. Er wächst aus Anstrengung, die nicht reicht, aus Vergleichen, die das eigene Tempo abwerten.
Wie aus Schwierigkeit eine Identität wird
Für viele Kinder mit LRS oder Dyskalkulie ist Scheitern kein isoliertes Ereignis, sondern ein wiederkehrendes Muster. Sie erleben, dass andere schneller lesen, sicherer schreiben, selbstverständlicher rechnen. Aus gut gemeinten Rückmeldungen wie „Du musst dich halt mehr anstrengen" kommt beim Kind an: Ich genüge nicht.
Hier liegt ein zentraler Unterschied: Eine Lernschwierigkeit beschreibt eine Herausforderung. Ein innerer Stopp beschreibt eine Identität. Lernschwierigkeiten können begleitet, kompensiert und überwunden werden. Ein beschädigtes Selbstbild wirkt dagegen in alle Lebensbereiche hinein, weit über die Schule hinaus. Irgendwann wird aus „Ich kann das nicht" ein „Ich bin halt so".
Warum Vorbilder so viel bewirken
Deshalb reicht es nicht, nur an Fähigkeiten zu arbeiten. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie mehr sind als ihre Leistung. An diesem Punkt werden Vorbilder maßgeblich, nicht im Sinne großer Erfolgsgeschichten, sondern als erreichbare Identifikationsfiguren. Menschen, die sagen können: „Ich hatte das auch."
Genau deshalb habe ich den Potenzialfrei?!-Podcast initiiert. Dort erzählen Menschen mit unterschiedlichen Startpunkten von ihrem Weg, manche mit LRS, andere mit Dyskalkulie, wieder andere mit Brüchen im Bildungsweg. Was sie verbindet, ist nicht eine klassische Erfolgsgeschichte, sondern die Erfahrung, dass Lernen, Arbeiten und Leben nicht linear verlaufen müssen, um tragfähig zu sein. Wenn Kinder solche Geschichten hören, denken sie plötzlich: „Der ist ja wie ich." Genau hier beginnt Veränderung.
Wie du auf „Ich bin zu dumm" reagieren kannst
Wenn ein Kind sagt: „Ich kann das nicht" oder „Ich bin zu dumm für Mathe", geht es nicht darum, diesen Satz sofort zu korrigieren oder wegzuwischen. Sätze wie „Ach komm, das stimmt doch nicht" greifen zu kurz, sie widersprechen dem inneren Erleben des Kindes.
Hilfreicher ist: „Ich höre, dass du das gerade glaubst. Und ich sehe auch, wie sehr du dich anstrengst." Und dann den Blick behutsam erweitern, nicht auf das Ergebnis, sondern auf den Weg dorthin. Strategien würdigen statt Perfektion. Erfolge müssen wiederholt werden, damit sie wirken, nicht als Lobinflation, sondern als bewusste Erinnerung: Das hast du geschafft.
Neue innere Sätze lassen sich anbieten, nicht als Ersatz, sondern als Möglichkeit: Ich kann das noch nicht, aber ich bin dran. Ich lerne auf meine Weise, und das ist okay. Solche Sätze wirken nicht, wenn sie übergestülpt werden. Sie entfalten sich, wenn ein Kind sie aus eigenen Erfahrungen heraus übernimmt. Bei einem Mädchen, das ich über längere Zeit begleitete, stellte ich am Ende jeder Stunde dieselbe Frage: Was hast du heute trotzdem geschafft? Am Anfang kam keine Antwort. Nach einigen Wochen sagte sie leise: „Ich habe es probiert." Ein Jahr später: „Ich lese jetzt gern laut, weil ich besser geworden bin."
Warum dein Kind mehr ist als seine Schwierigkeiten
So notwendig es ist, über Schwierigkeiten und Blockaden zu sprechen, all das beschreibt nie das ganze Kind. Insbesondere Eltern, bei denen der Stress zu Hause groß ist, ermuntere ich immer wieder, darüber nachzudenken, was sie an ihrem Kind schätzen. Am Anfang fällt das oft schwer, aber meist findet sich nach ein paar Momenten des Nachdenkens etwas, und viele Eltern beginnen dabei zu lächeln: die Hilfsbereitschaft, die Kreativität, die Ehrlichkeit, der Sinn für Gerechtigkeit.
In meiner Praxis gehört es dazu, am Anfang jeder Lerntherapiestunde mindestens eine schöne Sache der letzten Woche zu benennen, kein weltbewegender Moment, einfach eine positive Erinnerung. Ich empfehle Familien, ein „Schatzkästchen der schönen Erinnerungen" anzulegen: ein Tagebuch, ein Kästchen oder ein Glas mit Zetteln, die bei Bedarf herausgeholt werden können, wenn gerade keine Kraft da ist, selbst etwas Positives zu finden.
Warum eigene Entscheidungen so wichtig sind
Viele Kinder mit LRS oder Dyskalkulie haben über lange Zeit fremdbestimmt gelernt und dabei das Gefühl verloren, handlungsfähig zu sein. Je mehr Entscheidungen andere für sie treffen, desto stärker verfestigt sich innerlich ein Gefühl von Ohnmacht, und Ohnmacht nährt den Satz: Ich kann das sowieso nicht.
Selbst entscheiden zu dürfen wirkt hier wie ein Gegengewicht, nicht als große Freiheit, sondern als gezielte Erfahrung von Autonomie. Ein achtjähriger Junge in meiner Lerntherapie fragte bei jeder Kleinigkeit: „Ist das richtig?", nicht weil er es nicht wusste, sondern weil er es nicht gewohnt war, selbst zu entscheiden. Wir begannen ganz klein: Bleistift oder Füller? Nach einigen Wochen fragte er nicht mehr. Er entschied und stand dazu.
Selbstständigkeit entsteht wie ein Muskel: Wird er nie benutzt, bleibt er schwach. Alltägliche Mikroentscheidungen sind das Training dafür. Welche Jacke ziehe ich an? Mache ich zuerst Hausaufgaben oder spiele ich eine Runde? Jede dieser Entscheidungen ist eine Übung in Selbstführung, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Erst lesen, dann entscheiden. UMTY gibt dir die Grundlage.
Das Buch erklärt LRS und Dyskalkulie so, dass du als Elternteil weißt, was du siehst — und was du tun kannst. Klar, ohne Schuldzuweisungen, mit konkreten Wegen.
Unverbindlich. Kein Verkaufsgespräch. Ein ehrliches Gespräch darüber, was eurem Kind wirklich weiterhilft.