In Deutsch kommt ein Kind noch irgendwie zurecht. Dann beginnt Englisch – und plötzlich wird Lesen und Schreiben noch anstrengender. LRS in Englisch ist nicht einfach „dieselbe Schwierigkeit mit anderen Wörtern“. Jede Schriftsprache stellt eigene Anforderungen.

UMTY zeigt anhand mehrsprachiger Lernwege, warum es nicht reicht, nur Fehler zu zählen. Entscheidend ist, welches Schriftsystem ein Kind gerade verstehen soll, welche Strategien es überträgt und an welcher Stelle diese nicht mehr tragen.

Englisch und Deutsch funktionieren unterschiedlich

Deutsch folgt einem vergleichsweise systematischen Laut-Buchstaben-Prinzip. Englisch arbeitet dagegen mit vielen Ausnahmen und inkonsistenten Laut-Buchstaben-Beziehungen. Derselbe Laut kann unterschiedlich geschrieben werden; dieselbe Buchstabenfolge kann anders klingen. Für Lernende bedeutet das: Eine Strategie, die in Deutsch hilft, führt in Englisch nicht automatisch zum Ziel.

Im Buch wird Anton beschrieben. Er wächst mit Deutsch, Englisch und Mandarin auf und liest in allen drei Sprachen ohne Schwierigkeiten. Im deutschen Schreiben bestehen jedoch langanhaltende Probleme. Anton überträgt Strategien der englischen Schriftsprache auf Deutsch. Das erzeugt Verwirrung. Nicht seine Mehrsprachigkeit verursacht die Lernschwierigkeit – ihm fehlt der klare Einblick in die Unterschiede der Systeme.

Wenn vertraute Strategien nicht mehr passen

Der Wechsel zwischen Schriftsystemen verlangt, Regeln zu unterscheiden und flexibel anzuwenden. Ein Kind kann deshalb in einer Sprache sicherer wirken als in einer anderen. Pépin etwa fühlt sich in Englisch als Haupt- und Bildungssprache sicherer, während mehrere Länder-, Schul- und Sprachwechsel andere Lernlücken lange überdecken.

Solche Unterschiede zeigen, warum pauschale Urteile nicht helfen. Schwierigkeiten in Englisch beweisen weder mangelnde Begabung noch fehlende Anstrengung. Ebenso lässt eine gute Leistung in einer Sprache nicht automatisch darauf schließen, dass in einer anderen keine Unterstützung nötig ist.

LRS in Englisch sollte daher nie losgelöst vom gesamten Lernweg betrachtet werden: Welche Sprachen nutzt das Kind? In welcher Sprache hat es lesen und schreiben gelernt? Welche Laut- und Buchstabenbeziehungen kennt es? Welche Schulwechsel oder wechselnden Unterrichtssprachen gab es?

Worauf Erwachsene achten sollten

UMTY warnt davor, sichtbare Merkmale vorschnell zur Ursache zu erklären. Mehrsprachigkeit ist leicht erkennbar und wird deshalb häufig zuerst genannt. Dahinter können jedoch fehlende Lernvoraussetzungen, nicht aufgebaute Strategien oder langanhaltende Schwierigkeiten verborgen bleiben.

Genaues Hinschauen bedeutet, Lösungswege zu verstehen. Liest das Kind nur sehr langsam? Versucht es, englische Wörter konsequent nach deutschen Lautregeln zu schreiben? Kann es Regeln in Übungen anwenden, verliert sie aber im freien Schreiben? Oder fehlen bereits in Deutsch sichere alphabetische Grundlagen?

Diese Fragen sind keine Diagnosecheckliste. Sie helfen, Beobachtungen präziser zu beschreiben. Wie eine fundierte Einordnung aussehen kann, erläutert der Artikel „Diagnostik bei LRS und Dyskalkulie“.

Warum mehr Üben allein nicht genügt

Wenn eine Aufgabe nicht gelingt, lautet die häufigste Antwort: mehr üben. Doch Wiederholung hilft nur, wenn das Kind versteht, was es wiederholt. UMTY beschreibt dieses Prinzip mit einem Gedicht in einer unbekannten Fremdsprache: Man kann die Klänge auswendig lernen, ohne ihre Bedeutung zu kennen. Die Leistung wirkt dann eingeübt, aber das Verständnis fehlt.

Für LRS in Englisch heißt das: Wortlisten und Wiederholungen können Bestandteile des Lernens sein. Sie ersetzen aber nicht den Aufbau passender Strategien. Das Kind muss Unterschiede erkennen, Regeln einordnen und verstehen, wann eine vertraute Regel nicht greift.

Auch die Unterrichtssprache selbst kann zur zusätzlichen Hürde werden. Ein Kind muss nicht nur ein englisches Wort lesen oder schreiben, sondern zunächst die Aufgabenstellung verstehen. Bleibt unklar, ob die Schwierigkeit im Wortschatz, im Hörverstehen, in der Lautverarbeitung oder im Schreiben liegt, wird leicht am falschen Punkt geübt.

Deshalb beschreibt UMTY Förderdiagnostik als einen Blick auf den Denk- und Lösungsweg. Nicht nur das fertige Ergebnis zählt. Wenn ein Kind erklärt, wie es zu einer Schreibweise gekommen ist, wird sichtbar, welche Regel es anwendet, welche Sprache dabei Pate steht und wo eine tragfähige Verbindung fehlt.

Bleiben diese Grundlagen unsicher, kann zusätzliches Üben den Druck erhöhen. Das Kind erlebt erneut, dass es viel investiert und dennoch scheitert. Dann entstehen nicht selten Rückzug, Vermeidung oder der Gedanke: „Ich bin einfach zu dumm.“ Warum das ein Schutzversuch sein kann, zeigt „Vermeidungsstrategien bei LRS erkennen“.

Verstehen entlastet

Der wichtigste Perspektivwechsel lautet: Nicht das Kind passt nicht zur Sprache. Seine bisherigen Werkzeuge passen möglicherweise noch nicht zu den Anforderungen dieser Sprache.

Auch der Vergleich mit anderen Kindern hilft hier wenig. Lerngruppen unterscheiden sich darin, wann und wie intensiv Englisch gelernt wird, welche Sprachen im Alltag vorkommen und welche Grundlagen bereits sicher sind. Aussagekräftiger ist die Entwicklung des einzelnen Kindes: Was gelingt heute, was vor einigen Monaten noch nicht möglich war? Wo bleibt es trotz angemessener Unterstützung stehen?

Das verändert die Frage. Statt „Warum kann es sich das nicht merken?“ heißt sie: „Welche Regel, welcher Unterschied oder welche Grundlage ist noch nicht verstanden?“ Diese Haltung nimmt die Schwierigkeit ernst, ohne das Kind auf sie zu reduzieren.

LRS in Englisch braucht deshalb keine schnelle Zuschreibung, sondern eine genaue Betrachtung des Lernwegs. Wo Erwachsene die Systeme unterscheiden und den Denkweg des Kindes verstehen, kann Förderung dort beginnen, wo sie wirklich gebraucht wird.

Aus dem Buch UMTY

Ein anderer Lernweg ist kein geringerer Lernweg

UMTY verbindet fachliche Einordnung mit Geschichten von Kindern, Eltern und Erwachsenen – damit Schwierigkeiten verständlich und neue Wege sichtbar werden.

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