„Das liegt an der Sprache zu Hause.“ Wenn ein mehrsprachig aufwachsendes Kind Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben zeigt, fällt diese Erklärung schnell. Doch Mehrsprachigkeit ist nicht der Grund, warum ein Kind langanhaltende Lernschwierigkeiten entwickelt.

Mehrsprachigkeit und LRS lassen sich trotzdem nicht einfach voneinander trennen. Mehrere Sprach- und Schriftsysteme stellen zusätzliche Anforderungen. Gleichzeitig können sie vorhandene Schwierigkeiten überdecken. Deshalb braucht es einen genauen Blick auf den individuellen Lernweg.

Warum Mehrsprachigkeit nicht die Ursache ist

UMTY beschreibt Amira, deren Schwierigkeiten zunächst mit ihrer Familiensprache erklärt werden. Dabei kann ihre Mutter selbst kaum lesen und schreiben, und ihr Bruder brach die Schule wegen massiver Leseschwierigkeiten ab. Diese Familiengeschichte bleibt aus Scham lange unausgesprochen. Erst in der dritten Klasse wird genauer hingeschaut und eine familiäre Disposition sichtbar.

Die sichtbare Mehrsprachigkeit hatte überdeckt, was eigentlich im Vordergrund stand. Das Beispiel zeigt: Wenn eine schnelle Erklärung genügt, endet die Suche nach anderen Ursachen zu früh.

Für mehrsprachig aufwachsende Kinder gelten dieselben möglichen Gründe für langanhaltende Lernschwierigkeiten wie für einsprachige. Fehlende Lernvoraussetzungen wirken unabhängig von der Familiensprache.

Das ist besonders bedeutsam, weil eine falsche Zuordnung Zeit kostet. Wird jahrelang nur am deutschen Wortschatz gearbeitet, obwohl grundlegende schriftsprachliche Fähigkeiten fehlen, bleibt der eigentliche Unterstützungsbedarf bestehen. Umgekehrt darf eine noch wachsende Kompetenz in der Unterrichtssprache nicht vorschnell als Störung bewertet werden.

Welche Anforderungen tatsächlich entstehen

Dass Mehrsprachigkeit nicht die Ursache einer LRS ist, bedeutet nicht, dass der Lernweg ohne zusätzliche Anforderungen verläuft. Sprachen strukturieren Laute, Wörter, Schrift und sogar Zahlen unterschiedlich.

Englisch besitzt viele Ausnahmen und inkonsistente Laut-Buchstaben-Beziehungen. Deutsch folgt einem systematischeren Prinzip. Mandarin basiert nicht auf alphabetischen Strukturen. Wer mehrere Systeme nutzt, muss erkennen, welche Strategie gerade passt.

Auch „Schreibe, wie du sprichst“ kann für mehrsprachige Kinder besonders schwierig sein. Sie verfügen über unterschiedliche Lauterfahrungen und verwenden mehrere phonologische Systeme. Gleichzeitig funktioniert die deutsche Schriftsprache nicht streng so, wie sie gesprochen wird.

In Mathematik kommt die Fachsprache hinzu. Jamila kann beim Backen mit ihrer Großmutter mathematische Handlungen ausführen, kennt dafür aber die deutschen Begriffe nicht. Ihre Handlungsvorstellungen sind vorhanden; es fehlt die sprachliche Brücke zum Unterricht.

Wie Lernschwierigkeiten übersehen werden

Mehrsprachige Kinder entwickeln mitunter besonders gute Kompensationsstrategien. Das vielfältige sprachliche Repertoire hilft ihnen, Unsicherheiten lange auszugleichen. Dadurch können fehlende Grundlagen später sichtbar werden.

Bei Pépin kommen mehrere Länder, Sprachen, Curricula und Schulsysteme zusammen. In einer Schule fallen keine Lernschwierigkeiten auf, in der nächsten werden Probleme im Mathematikunterricht sichtbar. Erst eine Förderdiagnostik zeigt, dass grundlegende mathematische Vorstellungen fehlen. Die Wechsel haben die Schwierigkeiten nicht verursacht, aber lange überdeckt.

Hinzu kommen Belastungen, die selten mit der Lernentwicklung zusammengedacht werden: Abschiede von Freunden, vertrauten Orten und Ritualen, das Ankommen in einem neuen Umfeld und die Sorge vor weiteren Veränderungen. Bei Pépin stehen Anpassung und emotionale Belastung so stark im Vordergrund, dass seine fachlichen Lücken lange nicht klar erkannt werden.

Deshalb reicht die Frage „Spricht das Kind genug Deutsch?“ nicht aus. Wichtig ist auch: Wo genau gerät es ins Stocken? Welche Grundlagen sind aufgebaut? In welcher Sprache wurden Begriffe gelernt? Welche Strategie nutzt das Kind?

Eine fundierte Diagnostik kann dabei helfen, Schwierigkeiten von bloßen Zuschreibungen zu lösen.

Mehrsprachigkeit als Ressource

UMTY verweist darauf, dass mehrsprachiges Aufwachsen positive Auswirkungen auf zentral-exekutive Funktionen, Arbeitsgedächtnis, metalinguistische Bewusstheit und Symbolverständnis haben kann. Mehrere aktive Sprachen verlangen eine geschulte Aufmerksamkeitslenkung.

Gleichzeitig ist der Erwerb mehrerer Sprachen zunächst mit höherem Lernaufwand verbunden. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Mehrsprachigkeit ist eine Ressource, und sie stellt zusätzliche Anforderungen.

Problematisch wird es, wenn Familiensprachen unterschiedlich bewertet werden. Kinder, deren Sprache gesellschaftlich weniger Ansehen genießt, erleben häufiger die Botschaft, sie seien wegen ihrer Sprache weniger leistungsfähig. Das kann ihr Selbstbild zusätzlich belasten. Der Artikel „Selbstwert jenseits von Noten stärken“ zeigt, warum solche Botschaften nicht folgenlos bleiben.

Die hilfreicheren Fragen

Bei Mehrsprachigkeit und LRS führt eine einzige Erklärung selten weiter. Hilfreicher sind präzise Fragen: Welche Laut- und Schriftprinzipien versteht das Kind? Welche mathematischen Begriffe fehlen nur in der Unterrichtssprache? Welche Fähigkeiten zeigt es im Alltag oder in einer anderen Sprache? Welche Wechsel haben seinen Lernweg geprägt?

Auch das Gespräch zwischen Familie und Schule gewinnt, wenn alle Sprachen einbezogen werden. Eltern können beschreiben, was ihr Kind in der Familiensprache versteht, erzählt, liest oder rechnet. Lehrkräfte können benennen, welche Anforderungen in der Unterrichtssprache Probleme bereiten. Erst zusammen entsteht ein vollständigeres Bild.

Dabei sollten Fortschritte ebenso dokumentiert werden wie Schwierigkeiten. Was gelingt mit Anschauungsmaterial? Welche Begriffe kann das Kind in einer anderen Sprache erklären? Wann zeigt es sichere Strategien? Solche Beobachtungen schützen davor, ein vielfältiges Können auf einzelne deutsche Fehler zu reduzieren, und liefern konkrete Ansatzpunkte für die nächsten Lernschritte.

So wird aus „Die Sprache ist das Problem“ eine offenere Perspektive: Welche Brücke fehlt noch? Diese Frage würdigt vorhandene Fähigkeiten und macht Unterstützung möglich, ohne Mehrsprachigkeit zum Defizit zu erklären.

Aus dem Buch UMTY

Nicht vorschnell erklären. Genauer verstehen.

UMTY zeigt, wie Lernschwierigkeiten entstehen, erlebt und häufig fehlgedeutet werden – und warum passende Wege beim genauen Hinschauen beginnen.

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